Johann Heinrich Pestalozzis gesamtes pädagogisches Wollen und Tun war getragen von seiner großen Liebe zu den Armen des Volkes. Ihr Los wollte er durch die Erziehung ihrer Kinder entlasten, ohne sie über ihren Stand hinauszuführen. Die historische Situation Die Gleichberechtigung mit dem städtischen Bürgertum, die der Schweizer Landbevölkerung im Mittelalter zugestanden worden war, war etwa seit dem 16. Jahrhundert einer wachsenden Vormachtstellung der Städte gewichen. Die Teilnahme an Handel, Industrie und Gewerbe waren der Landbevölkerung untersagt, die politische Mitwirkung, der Zugang zu öffentlichen Ämtern und Offiziersstellen verschlossen und sie hatten keine Möglichkeit das städtische Bürgerrecht zu erwerben. Zur Zeit der Geburt von Pestalozzi wurde das Interesse an der schweizerischen Landwirtschaft wieder größer. In der Generation Pestalozzis wuchs die Begeisterung besonders. Neben der Landwirtschaft war ein Teil der ländlichen Bevölkerung der Schweiz in die Textilverarbeitung einbezogen, gewöhnlich in der Form des hausindustriellen Verlagssystems. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts löste sich patriarchalische produzierende und konsumierende bäuerliche Familie immer mehr auf und fiel der Verelendung anheim, die Abwanderung in die Städte begann und die Gesetze der marktwirtschaftlichen Produktion setzten sich durch. Pestalozzis Leben Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Januar 1746 in Zürich als Nachfahr einer aus Italien stammenden Familie geboren. Früh verlor er seinen Vater, der Chirurg war, und wuchs von der Mutter und einer treuen Magd umsorgt auf. Einen Träumer und Einzelgänger Heiri Wunderli nannten ihn seine Kameraden. Die Lateinschule verließ er ohne Examen, schwankte zwischen dem Beruf des Theologen, des Juristen und des Landwirtes, um sich später ganz der Erziehung der Kinder zuzuwenden. Durch seinen Großvater lernte er das wirtschaftliche, geistige und sittliche Elend der Bauern kennen. Als junger Mann schloss sich Pestalozzi der Züricher Helvetischen Gesellschaft an. Diese Patrioten, wie sie im Volksmund hießen, lasen unter der Leitung von Prof. Johann Jacob Bodmer, Schriften von Plato, Montesquieu und Rousseau. Sie waren der Meinung, dass der Staat wieder auf seine ursprüngliche Einfachheit zurückgeführt und gute und redliche Bürger gebildet werden müssten. Im Jahre 1768 eröffnete Pestalozzi auf dem Neuhof bei Birr einen landwirtschaftlichen Betrieb. Aus zunächst wirtschaftlichen Gründen wandelte er diesen 1774 in eine Armenanstalt um. Er nahm um die fünfzig Armenkinder bei sich auf. Sie halfen auf dem Feld oder verarbeiteten Baumwolle, während sie gleichzeitig von Pestalozzi in den Elementarfächern unterrichtet wurden. Dieser Versuch dauerte allerdings nur fünf Jahre und wurde aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Pestalozzi wurde zunächst Schriftsteller. Zu seinen wesentlichen Werken gehören Die Abendstunde eines Einsiedlers , Lienhard und Gertrud , Ja oder Nein ? und Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Nach 20jähriger Unterbrechung, 1799, begann er eine neue pädagogische Tätigkeit. Ihm wurde die Leitung eines Waisenhauses im kleinen Ort Stan übertragen. Für halbes Jahr war er für etwa achtzig Kriegswaisen wie ein liebevoller Vater. Hier fasste er endgültig den Entschluss, Schulmeister zu werden. Im Jahre 1800 wurde er Leiter des neuen helvetischen Lehrerseminars auf Schloss Burgdorf. Hier entstand sein bedeutendes methodisches Werk Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. 1805 übersiedelte er nach Yverdon. An der dortigen Lehranstalt begründete er seinen Weltruhm. Schweizer und ausländische Schüler lernten hier Zahlen- und Raumlehre, Sprachen, Gesang, Leibesübungen und Religion. Produktive Arbeit wurde allerdings nicht geleistet. Die Schule wurde Anziehungspunkte für Lehrer aus der ganzen Welt. 1818 gründete Pestalozzi noch eine Armenschule in Clindy bei Yverdon. Nach vielen Enttäuschungen und Streitigkeiten mit seinen Mitarbeitern, die seinem Schaffen dennoch nie schadeten, zog sich Pestalozzi in seinen letzten Lebensjahren verbittert zu seinem Enkel auf den Neuhof zurück. Er starb im Jahre 1827 im nahe gelegenen Brugg. Seine Ziele Pestalozzis Gedanken kreisten sein ganzes Leben lang um eine Frage: ... Wie kann man den Armen dazu verhelfen, sich selbst ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen ? .... Das heißt es ging ihm um die Vereinigung von wirtschaftlicher Selbstständigkeit und sittlicher Veredelung. Es war sein Wunsch dem bäuerlichen Stande wieder zu einer gesunden Grundlage zu verhelfen. Er wünschte die Rückkehr des Volkes zu natürlichen Lebensformen: ... als unser Volk männlich und stark war, treu und bieder, nicht heuchlerisch und unbetrogen, arbeitsam und glücklich, sparsam und barmherzig .... Um dies zu erreichen schienen ihm zwei Dinge wichtig: einmal die wirtschaftliche Sicherung der bäuerlichen Familien, zum anderen die Erziehung und Bildung der Kinder der niederen Schichten. Pestalozzi verlangte die allgemeine Emporbildung aller menschlichen Kräfte zu einer Menschenweisheit. Dabei verfolgte er zwei Wege: Die Wohnstubenerziehung Die Vorraussetzung zur allgemeinen Kräftebildung sah Pestalozzi in der ursprünglichen Güte der menschlichen Natur. Diese erkannte er insbesondere in einem lebendigen heimindustriellen kleinbäuerlichen Haushalt. Die frühzeitige Einbettung des Kindes in seinen Stand, die Verbindung von Einsichten und Fertigkeiten, von Verstehen und Können waren hier erfüllt. Die aus dem Vertrauen zu Vater und Mutter erwachsene Liebe zu den Eltern sollte zur Keimform einer späteren allgemeinen Liebe zu Gott und den Menschen werden, die ihm dann auch die Liebe zu Wahrheit und Recht und damit die Sittlichkeit ermöglicht. So sah Pestalozzi zunächst in der Wohnstube des kleinbäuerlichen Haushalts alle pädagogischen Faktoren vereint. Die Elementarmethode Der Zentralbegriff dieser Methode ist die Anschauung. Da die Anschauung das allgemeine Fundament unserer Erkenntnis ist, sollte sie auch zum allgemeinen Fundament für den Unterricht werden. Pestalozzi unterschied bei der Ausbildung des Kindes die Kräfte des Kennens, Könnens und Wollens. Mit Hilfe der passiven Anschauung soll der Mensch seine Außenwelt wahrnehmen, mit Hilfe der aktiven Anschauung diese ordnen und gestalten. So gelangt er zu den drei Elementen der Erkenntnis: Zahl (Rechnen und Mathematik), Form (Zeichnen, Messen, Schreiben) und Wort (Verständigung und Bewusstseinsbildung). Das Können sollte durch bestimmte Grundbewegungen, die sich aus dem unmittelbaren Arbeitsprozess ergaben geübt werden. Beim Weben zum Beispiel das Schlagen, Stoßen und Ziehen. Das Wollen schließlich soll sich aus dem allgemeinen Verhältnis im Haushalt, aus der Beziehung zu den Eltern ergeben. Allergrößten Wert legte Pestalozzi auf die Unterstützung des Schulunterrichts durch die häusliche Erziehung. Dabei kommt bei ihm der Mutter eine besondere Bedeutung zu. Seine methodischen Schriften galten deshalb jeder Mutter, mochte sie Fürstin oder Bettlerin sein .
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